Wie organisiere ich eine Stolpersteinverlegung?

Montag, 28. November 2011

Mit Stolpersteinen erinnern Bürgerinnen und Bürger in Gemeinden an Opfer des Nationalsozialismus. Dieser Praxistipp stützt sich auf Erfahrungen Brandenburger Stolpersteinverlegungen und kann Ihnen helfen, in Ihrer Stadt oder Gemeinde selbst ein Stolpersteinprojekt zu initiieren.

Mit Ihrer Initiative werden Sie ein Teil des europaweiten Projektes des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Die von ihm gefertigten Stolpersteine sind 10x10cm große Messingplatten auf einem Betonwürfel, die bündig in Gehwege eingelassen werden. Die Fußgänger sollen nicht im Sinne des Wortes stolpern, sondern symbolisch über die Inschrift mit Namen und Daten eines Menschen, der während der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verfolgt wurde. Erinnert wird an Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Euthanasieopfer und andere. Der Gedenkstein liegt vor dem Haus, in dem ihr letzter frei gewählter Wohnort lag. Bis Anfang 2011 wurden etwa 27.000 Stolpersteine in fast 600 deutschen Kommunen und in zehn europäischen Ländern verlegt. Um den Namen und das mit ihm verbundene Schicksal wieder an den Ort des Lebens zurückzuholen, müssen Sie lokalhistorische Initiative mit formalen Vorgaben vereinen. Der Praxistipp soll dabei helfen.

Inhalt

  1. Projektgeschichte
  2. Stolpersteine in Brandenburg
  3. Recherche
  4. Dokumentation
  5. Inschrift
  6. Genehmigung und Terminabsprache
  7. Verlegung
  8. Kosten und Patenschaften
  9. Weiteres Gedenken
  10. Pflege
  11. Kritik

1. Projektgeschichte

Zusammen bilden die Stolpersteine ein dezentrales Mahnmal, das die Erinnerung an den Menschen in den Alltag bringt. Während die ersten Aktionen noch illegal stattfanden, ist das Projekt inzwischen mehrfach geehrt worden, unter anderem mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Zunächst setzte sich Gunter Demnig künstlerisch mit den Deportationen von 1.000 Roma und Sinti aus Köln auseinander. Mit einer Druckmaschine zog er 1990 eine die Deportationswege aufzeigende Spur durch die Stadt. Einen ersten mit einer beschrifteten Messingplatte versehenen Stein ließ Demnig 1992, zum 50. Jahrestag des Befehls zur Deportation der "Zigeuner", vor dem Historischen Kölner Rathaus in das Pflaster ein. Auf dem Stein sind die ersten Zeilen dieses Erlasses zu lesen. Daraufhin entwickelte Demnig das Projekt "Stolpersteine". Nach einer Ausstellung von 250 Stolpersteinen in der Antoniterkirche und einer probeweisen Verlegung der ersten Steine in Köln bildete eine ungenehmigte Verlegung von über 50 Steinen in der Oranienstraße, Berlin-Kreuzberg den Start des Projektes. Behördlich genehmigt konnte Demnig die ersten zwei Steine am 19. Juli 1997 in St. Georgen bei Salzburg verlegen. In Deutschland wartete er auf die amtliche Erlaubnis bis zum Jahr 2000. Seitdem wird diese persönliche Form des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus von Initiativgruppen, Einzelpersonen, Schülergruppen und in zunehmendem Maße von Angehörigen verbreitet.

Weitere Informationen zum Stolpersteinprojekt erhalten Sie hier:

  • Homepage von Gunter Demnig: www.stolpersteine.com
  • NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln (Hrsg.): Stolpersteine. Gunter Demnig und sein Projekt, Köln 2007.
  • Kirsten Serup-Bilfeldt, Elke Heidenreich: Stolpersteine, Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2003.
  • Gunter Deming, Joachim Rönneper u.a. (Hrsg.): Vor meiner Haustür. "Stolpersteine" von Gunter Demnig, Ein Begleitbuch, Arachne Verlag, Gelsenkirchen 2010.
  • STOLPERSTEIN. HANFGARN & UFER Filmproduktion Berlin und TROIKA Entertainment, 2008, Regie: Dörte Franke, Länge: 73 Minuten
  • "Mit Kopf und Herz stolpern", Interview mit Gunter Demnig, ARTE.TV, 2008: www.arte.tv

2. Stolpersteine in Brandenburg

Gunter Demnig hat einen biographischen Bezug zum Land Brandenburg. Er wurde 1948 in Berlin geboren, wuchs dann in Nauen auf und ging auch dort zur Schule. Im Land Brandenburg hat er im Herbst 2003 die ersten Stolpersteine in Neuruppin verlegt. Mittlerweile haben sich über 40 Gemeinden diesem Projekt angeschlossen:

Altlandsberg, Bad Freienwalde, Bad Saarow, Beelitz, Blankenfelde OT Mahlow, Boitzenburg, Cottbus, Dallgow-Döberitz, Eberswalde, Eisenhüttenstadt, Erkner, Falkensee, Finsterwalde, Freienhagen, Frankfurt (Oder), Fürstenwalde, Gartz, Guben, Hennigsdorf, Hohen Neuendorf, Joachimsthal, Kleinmachnow, Königs Wusterhausen, Lehnitz, Letschin, Luckenwalde, Lübben, Mittenwalde, Nauen, Neuruppin, Oranienburg, Perleberg, Petershagen-Eggersdorf, Potsdam, Rathenow, Schöneiche bei Berlin, Schwedt, Seelow, Senftenberg, Strausberg, Teupitz, Treuenbrietzen, Wittenberge, Zehdenick, Panketal OT Zepernick, Zossen (unvollständig)

Nutzen Sie die Erfahrungen Anderer und suchen Sie Kontakt zu Initiativen in Ihrer Umgebung. Sie können sich beispielsweise wenden an:

Didaktische Materialien zur Durchführung des Projekts mit Jugendgruppen finden Sie unter:

3. Recherche

Am Anfang Ihres Stolpersteinprojektes steht die Forschung. Beachten Sie, dass es sich bei den Stolpersteinen um ein Kunstprojekt handelt, das sich mit dem aktiven Gedenken beschäftigt. Die historische Recherche sollte über die Datenerfassung für den Stein hinausgehen und so das Leben des Menschen wieder in Erinnerung rufen. Ein bloßes Abschreiben der Angaben aus Gedenkbüchern ist nicht in diesem Sinne.

Versuchen Sie, einen nachbarschaftlichen Kommunikationsprozess zu initiieren. Treten Sie an ehemalige und jetzige Bewohner, örtliche Vereine, religiöse Gemeinden, Parteien, Schulen, Ausbildungsbetriebe, Hochschulen und Universitäten heran. Suchen Sie Kontakt zu Heimatforschern und Wissenschaftlern historischer Fakultäten.

Erfragen Sie:

  • Personen: Familienangehörige, Freunde, Klassenkameraden, Arbeitskollegen
  • Wohnorte: Straße, Wohnung im Haus, weitere Adressen bei Umzügen, Veränderungen im Stadtbild
  • Familie: Geburten, Taufen, Hochzeiten, Jubiläen, Todesfälle, Namensänderungen
  • Ausbildung und Beruf: Schul- und Berufsabschlüsse, berufliche Tätigkeiten, Studium
  • Ereignisse: Veränderungen nach 1933, Reaktion im Ort auf nationalsozialistische Politik

Sie sollten bei der Recherche zunächst vor Ort beginnen und dann weiterführend suchen. Befragen Sie wenn möglich Zeitzeugen oder deren Nachfahren. Folgendes Vorgehen ist denkbar:

  • Ermittlung von Personen und Familien, für die Stolpersteine verlegt werden sollen: Wenn die Namen und der Wohnort bereits bekannt sind, konzentrieren sich die Nachforschungen auf weitere Familienmitglieder oder Hausbewohner. Es ist aber auch möglich, über die Erforschung der Geschichte eines oder mehrere Häuser während der NS-Zeit ein Stolpersteinprojekt zu initiieren. Auf der Webseite des Bundesarchivs (www.bundesarchiv.de/gedenkbuch) finden Sie die Namen von jüdischen Verfolgten. Hier können Sie vom Namen oder Wohnort ausgehend recherchieren. Dort werden jedoch keine konkreten Adressen angegeben. Zugang zu den Akten und den Adressen erhalten Sie dann über das Brandenburgische Landeshauptarchiv oder über örtliches Archive oder Museen.
  • Ermittlung vor Ort: Suchen Sie zunächst nach Informationen in der unmittelbaren Umgebung des Wohnortes. Fragen Sie nach Familienangehörigen, Zeitzeugen und ehemaligen Bewohnern des Hauses und der Straße.
  • Recherche in öffentlich zugänglichen Publikationen: Wenden Sie sich an Heimatmuseen, Geschichtsvereine sowie die Stadt-, Landes- und Staatsbibliothek.
  • Online-Recherche: Beginnen Sie beim Befragen von Suchmaschinen. Schauen Sie in die Online-Kataloge der Bibliotheken, vor allem in die Zeitschriftensammlungen oder auch in die online verfügbaren Materialien. Suchen Sie personenbezogen nach Adressen und Ansprechpartnern.
  • Recherche in Archiven
  • Örtliche Archive: Versuchen Sie zunächst, vor Ort Dokumente zu finden. Durchforschen Sie beispielsweise Materialien der Stadtverwaltung, der Kirchengemeinde, der Standesämter und von Geschichtsvereinen.
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv: Für eine Recherche im Landeshauptarchiv ist eine schriftliche formlose Anfrage mit Angabe Ihres Themas erforderlich. Sie erhalten das Rechercheergebnis schriftlich mitgeteilt, müssen dafür aber eine Wartezeiten von etwa sechs Wochen einplanen. Danach können Sie gegebenenfalls die Akten im Lesesaal einsehen. Eine vorzeitige Anmeldung ist erforderlich. Das gilt vor allem für die Arbeit mit Gruppen, da Räume reserviert werden müssen. Wenn Sie mit Jugendlichen arbeiten, sollten Sie vorher die Akten einsehen, um sich über den Quellenwert zu informieren. Beachten Sie dabei, dass die Akteneinsicht einer guten Vorbereitung bedarf und emotional überfordern kann. Kontakt: Brandenburgische Landeshauptarchiv (www.landeshauptarchiv-brandenburg.de), Post: Zum Windmühlenberg, 14469 Potsdam, Telefon: 0331 5674-0, Fax: 0331 5674-212, Ansprechpartnerin: Dr. Monika Nakath
  • Bundesarchiv Für die Recherche im Bundesarchiv müssen Sie eine formlose schriftliche Anfrage stellen. Darin sollen das Thema und der Zweck Ihrer Nachforschung angeben werden. Sie können den Post- oder Faxweg, aber auch das Kontaktformular nutzen. Recherche und Benutzung erfolgen grundsätzlich vor Ort in den Räumen des Bundesarchivs durch die Benutzer selbst. Kleinere Nachforschungen werden in der Regel von den Mitarbeitern des Bundesarchivs übernommen. Das Ergebnis wird schriftlich mitgeteilt, kann aber unter Umständen gebührenpflichtig sein. Kontakt: Bundesarchiv (www.bundesarchiv.de), Post: Finckensteinallee 63, 12205 Berlin, Telefon: 03018 7770-0, Fax: 03018 7770-111, E-Mail: berlin@bundesarchiv.de, Archivfachlicher Dienst, Telefon: 03018 7770-420 oder -411
  • Internationaler Suchdienst Bad Arolsen Beim Internationalen Suchdienst können Sie einen Antrag auf wissenschaftliche Forschung stellen. Er muss schriftlich erfolgen. Ein Formular ist als Pdf-Datei auf der Homepage herunterladbar. Es ist möglich, den Forschungsauftrag personenbezogen, aber auch themenbezogen zu stellen. Bei der ortsbezogenen Suche kann nach Orten, Stadtteilen, Firmen oder ähnlichem gesucht werden.Wenn der Suchdienst über Angaben verfügt, erhalten Sie nach Unterschrift der Benutzererklärung die Rechercheauswertung kostenlos. Für das Zusenden von Dokumenten werden Gebühren erhoben, pro Kopie 30-90 Cent, 5,- € für eine DVD als Speichermedium. Kontakt: Internationaler Suchdienst Bad Arolsen (www.its-arolsen.org), Post: Große Allee 5-9, 34454 Bad Arolsen, Telefon: 05691 629-0, Telefax: 05691 629-501
  • Yad Vashem - The Holocaust Martyrs'and Heroes' Remembrance Authority Yad Vashem ist eine Gedenkstätte in Israel, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert und sie wissenschaftlich dokumentiert. Die Internetpräsenz enthält eine Datenbank mit Namen und biographischen Angaben von 3,6 Millionen Holocaust-Opfern, die Sie online durchsuchen können. Außerdem haben Sie Zugriff auf das Fotoarchiv und verschiedene Listen, wie beispielsweise Transportlisten, Angaben zu Juden, die vor der Deportation die Flucht in den Tod wählten, sowie Listen von Überlebenden der Konzentrationslager. Die Bibliothek verfügt über die größte Sammlung von Literatur zum Thema Holocaust, die Sie online einsehen können. Sie können sich auch direkt an das Forschungsinstitut wenden. Ein Formblatt ist als Pdf-Datei verfügbar. Sie sollten es möglichst in Englisch ausfüllen und einsenden. Kontakt: Yad Vashem (www.yadvashem.org), Post: P.O.B. 3477, Jerusalem 91034, Israel. Für Recherchen: International Institute for Holocaust Research, E-Mail: research.institute@yadvashem.org.il, Telefon: +972 2 6443480 oder +972 2 6443479

Sie sind für Ihr Rechercheergebnis und den Umgang mit personenbezogenen Daten selbst verantwortlich. Achten Sie auf Quellennachweise und überprüfen Sie die Daten, die von anderen recherchiert wurden. Das ist einerseits wichtig, um bei späteren Nachfragen antworten zu können. Anderseits ersparen Sie sich nochmaliges Suchen bei der Veröffentlichung ihres Forschungsergebnisses.

4. Dokumentation

Sie sollten ihr Rechercheergebnis zusammenfassen. Dazu können Sie unterschiedliche Publikationsformen wählen, wie beispielsweise:

  • Gedenkschrift
  • Flyer zu den Stolpersteinen
  • PowerPoint-Präsentation
  • Ausstellung
  • Präsentation auf der Homepage der Gemeinde
  • Eigene Website

Ein Belegexemplar der veröffentlichten Biographie oder neuer Quellen sollten Sie an benutzte Archive und Bibliotheken sowie an weitere beteiligte Institutionen übersenden.

Beispiele für Präsentationen von Stolpersteininitiativen in Brandenburg finden Sie auf folgenden Seiten:

Beispiele für Präsentationen von Stolpersteininitiativen anderer Bundesländer finden Sie folgenden Seiten:

5. Inschrift

Die Stolpersteine werden einheitlich mit fünf Angaben zur Person beschriftet. Die Daten sollen Sie mindestens zwei Monate vor der Verlegung, möglichst per E-Mail und als Word-Dokument, senden an: Karin Richert, E-Mail: inschriften@stolpersteine.eu. Postadresse: Zülpicher Straße 58e / WE 25, 50674 Köln. Telefon: 0221 4248077, Fax: 0221 25 85194.

Bei der Inschrift müssen Sie sich an folgenden Vorgaben orientieren und Großbuchstaben verwenden:

  • Überschrift Als Überschrift wird meist „HIER WOHNTE“ gewählt. Weitere Möglichkeiten sind: HIER LEBTE, HIER LERNTE oder HIER LEHRTE, HIER ARBEITETE, HIER PRAKTIZIERTE, HIER WIRKTE. Es ist auch ein Stein ohne Überschrift möglich.
  • Vorname, Name (gegebenenfalls auch Geburtsname)
  • Geburtsjahr
  • Deportationsjahr und Ort
  • Schicksal Als Angaben sind "TOT" oder "ERMORDET" möglich. Für ein unbekanntes Schicksal stehen drei Fragezeichen "???", statt Selbstmord steht "FLUCHT IN DEN TOD". Der Begriff "verschollen" wird nicht verwendet, ebenso nicht der Begriff "Tod", da dieser einen natürlichen Tod nahelegt. Für den Begriff "Emigration" mit der Bedeutung Auswanderung steht "FLUCHT", Jahreszahl, Zielland.

Jeder Mensch erhält einen eigenen Stein. Ein Anliegen von Gunter Demnig ist, im Gedenken die Familien wieder zu vereinen. Deshalb werden auch überlebende Familienangehörige einbezogen (Kinder, die in Sicherheit gebracht werden konnten, oder Angehörige, denen die Flucht gelang; KZ-Überlebende und andere). Gedacht wird auch der Menschen, welche die Flucht in den Tod wählten. Darum ist es wichtig, nach der gesamten Familie zu recherchieren, auch um zu verhindern, dass später weitere Steine verlegt werden müssen. Dabei besteht die Gefahr, dass ältere Steine beschädigt werden.

6. Genehmigung und Terminabsprache

Die Stolpersteinverlegung wird zunächst mit der Stadt beziehungsweise Gemeinde und dem Tiefbauamt abgesprochen. Hier muss eine "Genehmigung für das Verlegen von Stolpersteinen im öffentlichen Raum" beantragt werden. Die formale Handhabung ist in den Gemeinden unterschiedlich, aber durch einen Telefonanruf in der Regel zu erfahren.

Erst nachdem Sie die Bestätigung erhalten haben, vereinbaren Sie einen Termin mit Gunter Demnig. Auf Grund zahlreicher Anfragen müssen Sie im Moment eine Wartezeit von einem halben Jahr einplanen. Die Terminabsprache erfolgt schriftlich mit: Anna Warda, E-Mail: termine@stolpersteine.eu.

Sollten Sie bei Ihren Nachforschungen auf ausländische Adressen als letzten Wohnort stoßen, wenden Sie sich an: Anne Thomas, E-Mail: international@stolpersteine.eu.

Sie sollten auch Eigentümerinnen und Eigentümer sowie die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses, vor dem der Stein liegen wird, informieren. Das ist nicht zwingend, da der Gehweg in der Regel der Stadt gehört. Aber es kann Streit vermeiden helfen und die Aufgeschlossenheit gegenüber diesem Thema fördern.

7. Verlegung

Gedenkveranstaltung
Mit der Verlegung des Steines wird Ihre Initiative auch ein sichtbarer Teil des europäischen Stolpersteinprojektes. In den ersten Jahren hat Gunter Demnig alle Steine selbst verlegt, ist auch jetzt bemüht, sein Projekt persönlich weiterzuführen. Auf Grund der Vielzahl von Anfragen setzt er zumindest jeden ersten Stolperstein in einer Kommune. Die Arbeiten dauern ungefähr 20 Minuten. Sie werden in eine Gedenkveranstaltung integriert, die individuell gestaltet werden kann:

  • Begrüßung oder Worte von Hinterbliebenen oder Familienangehörigen
  • Lesung von Zeitzeugen
  • Verlesung der Biographie
  • Grußwort von kommunalen Vertretern
  • Vorstellung der Projektarbeit
  • Musikalische Umrahmung
  • Aufführung eines Theaterstückes

Wenn an einem Tag mehrere Steine in einer Gemeinde gesetzt werden, sollte jede einzelne Verlegung würdevoll erfolgen. Umrahmend bietet sich eine Auftaktveranstaltung und im Anschluss ein Empfang an. Gunter Demnig hält auf Wunsch auch einen 50-minütigen Vortrag zum Werdegang des Stolpersteinprojektes mit anschließender Diskussionsrunde. Für die PowerPoint-Präsentation müssten Sie einen Beamer und einen Laptop mit genügend Speicherkapazität zur Verfügung stellen. Für das Überspielen von Daten auf die Festplatte sind mindestens zehn Minuten einzuplanen.

Technische Umsetzung
Geben Sie Gunter Demnig eine genaue Beschreibung der Verlegestelle mit Maßangaben, damit er die richtige Ausrüstung, Füllsteine und weiteres Material mitbringen kann. Bewährt hat sich auch die Anwesenheit des Bauamtes bei der Verlegung. Dann kann die Stelle noch einmal exakt festgelegt werden. Fragen sie auch, ob Sie der zum Tiefbauamt gehörige Bauhof unterstützen kann. Ansonsten ist es ratsam, einen Baubetrieb vor Ort anzusprechen, der bei der Verlegung und der Schuttentsorgung hilft. In einigen Gemeinden bereiten erfahrene Baubetriebe oder der Bauhof die Stellen vor.

Die Steine werden nicht direkt an die Hauswand gelegt, sondern ungefähr in die Mitte des Gehweges, in der Regel direkt vor dem Eingang. Die Steine einer Familie werden mit Fuge nebeneinander oder auch hintereinander gelegt. Die Stolpersteine haben ein Maß von 96 x 96 mm und eine Höhe von 100 mm. Für die Fugen müssen 5 mm eingeplant werden. Der Aushub für das Betonbett darf nur 12 cm tief sein.

Beim Ordnungsamt muss für die Zeit der Verlegung gegebenenfalls eine Sonderparkgenehmigung für Gunter Demnigs Lieferwagen (Peugeot, Autokennzeichen: K-GD 2710) beantragt werden.

Einladungen
Gestalten Sie Ihr Stolpersteinprojekt öffentlichkeitswirksam. Informieren Sie sowohl im Vorfeld über das Projekt als auch über die konkrete Steinverlegung:

  • Angehörige oder Freunde des Opfers
  • Projektunterstützer und -teilnehmer

Denken Sie bei allen Veranstaltungen an die Forschenden, die Paten und die Mitarbeiter in Archiven, Museen, Bibliotheken, ...

  • Vertreterinnen und Vertreter der Stadt oder Gemeinde, von Vereinen, Jugendeinrichtungen, Schulen
  • Bewohnerinnen und Bewohner, Eigentümerinnen und Eigentümer des Hauses sowie Nachbarn
  • Presse (Informieren Sie auch die lokale Wochenzeitungen und Fernsehsender)
  • Polizei: Informieren Sie auch die Polizei. Sie kann den Straßenverkehr regeln und bei unerwünschten Gästen helfen.

8. Kosten und Patenschaften

Ein Stolperstein kostet einschließlich der Verlegung 95 Euro. Hinzu kommen eventuell Übernachtungskosten für Gunter Demnig und seinen Fahrer sowie, falls sie einen Vortrag wollen, ein Honorar von 200,- Euro (zuzüglich Mehrwertsteuer). Die Rechnungslegung erfolgt im Nachhinein, aber nur an eine Rechnungsadresse. Viele Stolpersteininitiativen richten Konten ein und rufen zu Spenden auf. Das ist besonders bei mehreren Steinen sinnvoll. Es besteht auch die Möglichkeit einer Patenschaft oder Patengemeinschaft für Stolpersteine. Paten übernehmen hierbei die Kosten eines Steines.

Um Unterstützung für Ihr Projekt zu finden, können sie sich zum Beispiel wenden an:

  • Örtliche Betriebe und Institutionen
  • Wohnungsbaugesellschaften
  • Banken
  • Stiftungen
  • Privatpersonen

Für umfassende Projekte können Sie auch Fördergelder beantragen. Beachten Sie dafür unseren Praxistipp Wie finden wir Fördermittel für unser Projekt?.

9. Weiteres Gedenken

In einigen Gemeinden werden regelmäßig Gedenkveranstaltungen durchgeführt, in anderen finden Familientreffen statt. Wenden Sie sich an Stadtführer, damit sie die Steine in ihren Rundgang integrieren. Außerdem können die örtlichen Schulen das regionalgeschichtliche Thema in ihr Schulcurriculum aufnehmen.

Es bietet sich an, bereits während der Vorbereitung der Verlegung regelmäßige Treffen der Beteiligten und Informationsveranstaltungen durchzuführen. Hier können Sie auch über bereits vorhandene Stolpersteine berichten und der Schicksale gedenken. Indem Sie neue Stolpersteininitiativen vorstellen, können Sie weitere Interessierte und manchmal sogar neue ungeahnte Quellen erschließen. Außerdem ist dies ein geeigneter Rahmen, um für Patenschaften zu werben.

10. Pflege

Der Verlegeort sollte ein würdevolles Aussehen behalten und gepflegt werden. Dafür ist es gut, eine Putzpatin oder einen Putzpaten zu finden. Das kann eine Bewohnerin oder ein Bewohner des Hauses sein, aber auch Mitglieder von örtlichen Vereinen, Schulen oder Ausbildungsbetriebe können angesprochen werden.

Während die Säuberung der unmittelbaren Umgebung des Steines ein allgemein geteiltes Anliegen ist, gibt es widersprüchliche Ansichten zur Behandlung des Steines. Die Oberfläche der Steine ist mit einer Messingplatte versehen, die durch Umwelteinflüsse und Verschmutzungen dunkler wird. Im Winter sollte darum darauf geachtet werden, dass kein Salz gestreut wird. Dieses würde Korrosionsflecke hinterlassen. Von einem intensiven Putzen raten einige ab, da dabei die Oxidationsschicht beschädigt wird. Der Stein müsste dann mit Zaponlack-Spray neu versiegelt werden. Außerdem wird darauf verwiesen, dass infolge von Materialabtrag die Inschrift unlesbar wird.

Andere putzen den Stein regelmäßig, gerade damit die Inschrift sichtbar bleibt, und geben folgende Anleitung: Grob kann mit einem Schwamm und Wasser gereinigt werden. Für das Putzen sind gebräuchliche Mittel für Metalle geeignet, bewährt hat sich die Metallputzmittel "Sidol" und "Elsterglanz". Um weiße Ränder auf dem umliegenden Pflaster zu vermeiden, sollte es gering dosiert über einen Lappen und nicht direkt auf die Messingplatte gegeben werden. Nach einer Einwirkzeit von etwa einer Minute muss die Platte mit einem trockenen Tuch poliert werden. Bei stärkeren Verschmutzungen ist der Vorgang gegebenenfalls zu wiederholen. Hilfsmittel mit sehr harter Oberfläche wie zum Beispiel Drahtbürsten dürfen nicht benutzt werden, da die Messingplatten beschädigt werden. Das Putzen sollte nicht übertrieben werden, aber gemeinsame Pflegeaktionen können zur Gedenk- und Erinnerungskultur von Initiativen werden.

11. Kritik

Ihre Initiative sollte Teil des Museums- und Gedenkkonzeptes Ihres Ortes werden. Meist reagieren Gemeinden zustimmend. Diese besondere Form des Gedenkens wird aber auch immer wieder kontrovers diskutiert. Sie sollten trotz eigener Zustimmung die Gegenpositionen kennen und sich mit ihnen argumentativ auseinandersetzen können.

Die prominenteste Gegnerin des Projekts ist die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern Charlotte Knobloch. Sie stört vor allem, dass Passanten achtlos auf den Steinen laufen können und damit die Opfer "mit den Füßen getreten" würden. Für sie ist es inakzeptabel und unbedingt zu vermeiden, dass diese Opfer in der Gegenwart und Zukunft ein weiteres Mal entwürdigt werden. Bei den Stolpersteinen sei nicht auszuschließen, dass die Steine bespuckt oder gar mit Exkrement beschmiert werden, oder dass Hunde ihre Notdurft dort verrichten.

Immer wieder kontrovers diskutiert wird, dass die Auswahl der Personen, die einen Stein bekommen sollen, an die Selektion an der Rampe in Auschwitz erinnere. Dem entgegengesetzt wird auch die Meinung vertreten, dass die Stolpersteine formal und inhaltlich an den Hollywood-Boulevard in Los Angeles erinnern.

Viele jüdische Gemeinden und auch der Zentralrat der Juden begrüßen das Stolpersteinprojekt. Salomon Korn, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main betonte, dass man sich vor den Opfern verbeugen muss und durch das Darüberlaufen die Erinnerung blank poliere. Von der Israelischen Botschaft waren mehrmals Vertreter bei Verlegungen, einmal der Botschafter selbst. Gunter Demnig selbst weist darauf hin, dass die Lesenden sich verbeugen oder hinknien müssen, um die Schrift zu erkennen, und damit die Opfer automatisch ehren.

Sie sollten sich dieses sensiblen Themas bewusst sein und auf jeden Fall Angehörige der Opfer über ihr Projekt informieren und ihr Einverständnis erfragen. Es kann sehr persönliche Gründe gegen einen Stolperstein geben, die Sie gegebenenfalls akzeptieren sollten. Damit Sie viele von Ihrem Erinnerungsprojekt an ehemalige Mitbürgerinnen und Mitbürger überzeugen und zum Mitmachen gewinnen können, sollten Sie Informationsveranstaltungen in der Gemeinde durchführen und regelmäßig die lokalen Medien informieren.