Wie organisiere ich eine Gedenkstättenfahrt?

Donnerstag, 3. März 2011

Eine gelungene Fahrt in eine Gedenkstätte trägt meist mehr als der gewöhnliche Unterricht in der Schule zur Bildung historischen Bewusstseins bei. Dieser Leitfaden bezieht sich auf die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung eines eintägigen Besuchs einer Gedenkstätte.

Ein Gedenkstättenbesuch vermittelt anschaulich Wissen und eröffnet Wege für entdeckendes Lernen und eigenständiges Forschen, die zu selbstständig entwickelten Erkenntnissen führen können. Eine emotionale Beziehung zum historischen Ort und Geschehen kann die Entwicklung demokratischer Werte von Schülerinnen und Schülern nachhaltig prägen. Um diesem Anspruch zu entsprechen, sollte statt einer klassischen Führung ein Projekttag mit vier bis sechs Stunden Aufenthalt in der Gedenkstätte organisiert werden. Mehrtägige Fahrten, etwa der Besuch der Gedenkstätte in Auschwitz oder der Internationalen Jugendbegegnungsstätten Ravensbrück und Sachsenhausen, erfordern einen höheren organisatorischen wie finanziellen Aufwand und werden hier nicht behandelt.

Vorbereitung

Gedenkstättenfahrten lassen sich in den laufenden Unterricht integrieren. Sie bieten sowohl Anknüpfungspunkte im Fach Geschichte als auch in Deutsch, Sozialkunde, Kunst und Religion.

  1. Planen Sie die Gedenkstättenfahrt sorgfältig und am besten langfristig in den laufenden Unterricht ein. Sie sollte nicht den Einstieg in eine Thematik bilden, da die Schülerinnen und Schüler über historisches Wissen zur Zeit des Nationalsozialismus verfügen sollten. Eine unterrichtbezogene Planung lässt sich ab Klasse 9 gut realisieren. In der Doppeljahrgangsstufe 9/10 ist der Längsschnitt "Völkermorde und staatliche Gewaltverbrechen im 20. Jahrhundert" mit den Inhalten "Nationalsozialismus" sowie "Zweiter Weltkrieg und Holocaust/Völkermord" verbindliches Thema im Geschichtsunterricht.
  2. Informieren Sie sich umfassend, wenn möglich vor Ort, über die Gedenkstätte und beachten Sie, dass es in den letzten Jahren viele Veränderungen gab. Nutzen Sie dafür auch die speziellen Fortbildungsangebote der Gedenkstätten für Lehrerinnen und Lehrer.
  3. Nehmen Sie frühzeitig Kontakt mit der Gedenkstätte auf und besprechen Sie die konkreten gedenkstättenpädagogischen Angebote, die inhaltlichen Vorbereitungen sowie Termine für den Gedenkstättenbesuch. Fragen Sie nach Projektmaterialien, die mit Quellen und Aufgaben bei der inhaltlichen Vorbereitung des Gedenkstättenbesuches helfen können. Angebote für Schulklassen unterbreiten in Brandenburg die Gedenkstättenlehrerinnen und -lehrer. Eine Liste mit Kontaktangaben finden Sie auf dem Bildungsserver Berlin-Brandenburg
  4. Folgenden Seiten bieten weitere Informationen zu Brandenburger Gedenkstätten:
  5. Wenn Sie in Ihrer Schülergruppe rechts orientierte Jugendliche haben oder vermuten, verständigen Sie sich mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über einen angemessenen Umgang. Überschätzen Sie aber nicht die erzieherische Funktion des Gedenkstättenbesuches.
  6. Erstellen Sie stichpunktartig ein pädagogisches Konzept für den Gedenkstättenbesuch mit folgenden Schwerpunkten:
    • Bezug zu Rahmenlehrplänen und zum Schulcurriculum
    • Verbindungen zum Schulprogramm, zu Projekten oder zu besonderen Anlässen
    • Altersspezifischer thematischer Zugang
    • Fachbezogene Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler
    • Didaktische Zielstellungen für die jeweiligen Phasen
    • Vorbereitungen im Unterricht
    • Organisatorischer und methodischer Ablaufplan des Besuchs
    • Nachbereitung und Dokumentation des Besuchs
  7. Bereiten Sie den Gedenkstättenbesuch im Unterricht gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern vor. Ermitteln Sie die Erwartungshaltungen. Klären oder wiederholen Sie dabei den historischen Kontext und erarbeiten Sie gemeinsam mögliche Leitfragen und Themen.
  8. Bedenken Sie, dass Gedenkstättenbesuche emotional überfordern können. Mögliche Reaktions- und Rückzugsmöglichkeiten sollten den Jugendlichen vorbereitend aufgezeigt werden.
  9. Besprechen Sie Aspekte eines angemessenen und respektvollen Auftretens, problematisieren Sie dabei auch die Punkte Kleidung, Essverhalten und Fotografieren. Entwickeln Sie eventuell gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern Regeln für den Aufenthalt in der Gedenkstätte.
  10. Weisen Sie darauf hin, dass rechtsextreme Äußerungen und Handlungen nicht geduldet werden und grundsätzlich Anzeige erstattet wird.

Durchführung

Räumen Sie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Gedenkstätte Priorität bei der Arbeit mit der Schülergruppe ein. Halten Sie sich zurück und greifen Sie nur bei ernsthaften Problemen ein. In der Regel sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darin geschult, angemessen auf Störungen zu reagieren.

Nachbereitung

Die Nachbereitung sollte direkt nach dem Gedenkstättenbesuch stattfinden. Wenn umsetzbar, räumen Sie den Schülern und Schülerinnen bereits vor Ort eine unverbindliche Gesprächsmöglichkeit ein. Je nach Verlauf der Fahrt bieten sich unterschiedliche Methoden zur unmittelbaren Nachbereitung an:

  • Offener Gesprächskreis, in dem die Schülerinnen und Schüler ihre Eindrücke schildern können
  • Gruppenpuzzle, bei dem im zeitlichen Wechsel ein Austausch über Eindrücke und Fragestellungen an verschiedenen Tischen erfolgt
  • Kartenabfrage zu beispielsweise folgenden Fragen: "Über welchen Eindruck möchte ich gern reden?", "Welche meiner Erwartungen haben sich erfüllt?", "Welche meiner Erwartungen haben sich nicht erfüllt?" und "Worüber würde ich Freunden und Freundinnen berichten?"

Der Gedenkstättenbesuch kann den Ausgangspunkt für vertiefende Projekte oder Facharbeiten bilden. Diese sollten möglichst individuell konzipiert werden und den thematischen Zugang einzelner Schülerinnen und Schüler oder Schülergruppen beachten.