Wissenswertes: sexueller Missbrauch

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"Todesstrafe für Kinderschänder" fordern Neonazis. Das schützt Kinder aber nicht vor sexuellem Missbrauch. Was hilft gegen Sexualstraftaten? Und: Was sollte mit den Tätern geschehen? Diesen Fragen geht der folgende Audio-Beitrag nach.

Wissenwertes: sexueller Missbrauch
(Holger Siemann, 2010, 15:00 Minuten)

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Inhalt

Anke Sieber von der Beratungsstelle Dreist in Eberswalde und die Berliner Rechtsanwältin Manuela Groll erläutern, in welchen Situationen Kinder gefährdet sind, Opfer von Missbrauch zu werden. Holger Siemann fragt bei Manuela Groll nach, ob der Staat hart genug gegen Sexualstraftaten vorgeht und ob Therapien für Täter ein sinnvolles Mittel sind. Was Erwachsene konkret zum Schutz von Kindern tun können, erklärt Anke Sieber. Sie erläutert auch, weshalb die Forderung nach "Todesstrafe für Kinderschänder" schadet.

Beteiligte

  • Anke Sieber arbeitet bei dem Verein DREIST e.V. in Eberswalde, der in Kitas und Grundschulen Programme zur Vorbeugung von Missbrauch durchführt. Sie ist Fachberaterin im Landkreis Barnim zum sexuellen Missbrauch und Sprecherin des Barnimer Netzwerkes Kinderschutz.
  • Manuela Groll vertritt als Nebenklägerin Kinder und Jugendliche, die Opfer von Sexualstraftaten wurden, vor Gericht. In ihrer Freizeit engagiert sich die Berlinerin in der Beratungsstelle Kind im Zentrum e.V. sowie der Berliner Opferhilfe.
  • Holger Siemann hat zahlreiche Hörspiele und Radiofeatures veröffentlicht und dafür einige Preise gewonnen. Er schreibt in der Uckermark und in Berlin an seinem dritten Roman.
  • Das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (apabiz) stellte Tonaufnahmen rechtsextremer Demonstrationen zur Verfügung. Die Aufnahmen sind urheberrechtlich geschützt.

Die Reihe: Wissenswertes

Der Beitrag erscheint in der Reihe "Wissenswertes", in der sich das Aktionsbündnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit Themen widmet, die von Neonazis für ihre Propaganda genutzt werden. Zu jedem Audiobeitrag gibt es ein Informationsblatt.

Weitere Informationen

  • Die Broschüre "Was Sie über sexuellen Missbrauch wissen sollten" des Lokalen Aktionsplan Barnim und der Amadeu Antonio-Stiftung klärt über rechtsextreme Propaganda auf und zeigt sinnvolle Maßnahmen zur Vorbeugung von Missbrauch auf.
  • Die Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes bietet auf ihrer Webseite Aufklärung über die Gefahr des sexuellen Missbrauch und gibt praktische Tipps und Informationen für Eltern, die ihre Kinder schützen wollen.
  • Der von der Bundesregierung eingerichtete Runde Tisch "Sexueller Kindesmissbrauch" soll einen verbesserten Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt erreichen.
  • Das Thema "Kinderschänder" in rechtsextremer Musik hat die Landeszentrale für politische Bildung beleuchtet.
  • Um sich ein Bild davon zu machen, wie Boulevardmedien das Thema sexuelle Gewalt verwenden, ist der Wikipedia-Eintrag über die Sendung "Tatort Internet" ein guter Ausgangspunkt, da auch auf die zahlreichen Kritiken des Formats verlinkt wird.
  • Ein RBB-Dossier gibt einen Überblick über die umstrittene Sicherungsverwahrung, also das Einsperren von Tätern nicht als Strafe sondern zum Schutz der Allgemeinheit.
  • Die Herkunft der Sicherungsverwahrung aus dem nationalsozialistischen Gewohnheitsverbrechergesetz erläutert Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung.
  • Wie die Sicherungsverwahrung in Berlin und Brandenburg neu geregelt werden soll, um Auflagen des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte und des Bundesgerichtshofs zu entsprechen, hat eine länderübergreifende Arbeitsgruppe in einem Eckpunktepapier zusammengefasst.

Informationen und Beratung zum Thema sexueller Missbrauch bieten unter anderen folgende Vereine:

Transkription

Sprecher Ulrike, Pascal, Tom und Sonja - unaufhörlich scheinen die schwersten Verbrechen in unserer unmittelbaren Umgebung zu geschehen. Nicht nur Mütter und Väter machen sich Sorgen. Wir fragen: Wie können wir unsere Kinder schützen? Was tut der Staat, die Polizei? Was soll mit den Tätern geschehen?

Parolen werden auf einer Demonstration gerufen Todesstrafe für Kinderschänder, Todesstrafe für Kinderschänder!

Sprecher Die jungen Männer und Frauen, die hier nach der "Todesstrafe für Kinderschänder" rufen, scheren sich nicht um unsere Grundwerte und sie scheren sich nicht um die Wirklichkeit der missbrauchten Kinder. Anke Sieber ist Sozialpädagogin in einer Eberswalder Beratungsstelle. Sie kennt sich aus, denn seit 16 Jahren hilft sie den Opfern sexueller Gewalt.

Anke Sieber Was viele nicht wissen ist, dass Sexualstraftäter tatsächlich eher aus dem familiären Umfeld, aus dem sozialen Umfeld kommen. Also die meisten denken immer, das sind Wildfremde, die hinterm Gebüsch sitzen und sich ein Kind weggreifen, so isses nicht. Man geht davon aus, dass tatsächlich 90, 95 Prozent der Täter aus dem nahen Umfeld kommen.

Sprecher Die Polizeistatistik in Brandenburg zählt für letztes Jahr 443 Fälle von sexuellem Missbrauch. Und nicht nur Männer werden zu Tätern, sondern auch Frauen und Jugendliche. Dieser Gedanke - dass Menschen aus unserer Mitte kleine Kinder missbrauchen - ist schwer zu ertragen. Manche verschließen da lieber die Augen und tun so, als seien Sexualstraftäter immer Fremde, die man einfach ausmerzen kann.

Parolen werden auf einer Demonstration gerufen Ein Baum, ein Strick, ein Schändergenick. Ein Baum, ein Strick, ein Schändergenick.

Sprecher Es ist diese Atmosphäre von Rachegeschrei und fehlendem Wissen über Täter und Opfer, die mitverantwortlich ist für die hohe Dunkelziffer. Wie soll ein Kind über den Missbrauch reden, wenn es denken muss: In meinem Fall ist alles anders.

Anke Sieber ...weil es sind vertraute Menschen. Kinder haben einfach auch das Bedürfnis nach Geborgenheit, nach Schutz, nach Liebe, nach Zärtlichkeiten, und da haben natürlich gerade die Menschen, die sich ins Vertrauen eingeschlichen haben, alle Möglichkeiten. Oft werden auch so Handpuppen verwendet in der Nacht, wo man nicht so genau herauskriegt: Hat das Kind einen Albtraum gehabt oder ist da wirklich was passiert? Wenn ein Kind was vom Krokodil erzählt, geht man automatisch davon aus, das kann nur ein Albtraum gewesen sein. Und damit kommen die auch gut durch, also weil sie einfach die Erwachsenen manipulieren, das Kind manipulieren und sich auf der sicheren Seite fühlen können, weil genau die Vorstellung von Sexualstraftätern so fatal und falsch ist.

Sprecher In den meisten Fällen wird die Beziehung zum Kind über einen längeren Zeitraum sexualisiert und die Grenzüberschreitung in spielerische und sportliche Aktivitäten eingebunden. Eine Aura von Geheimnis und Schuld verbindet das Kind mit dem Täter und verschließt ihm Auswege.

Anke Sieber Genau wenn ich vor Fremden warne, gebe ich dem Kind auch die Info: Alle anderen sind gut. Und genau damit kann das Kind sich gar nicht gegen Vertraute zur Wehr setzen, weil es ja immer gelernt hat: Es sind nur Fremde.

Sprecher Für manche Medien ist die Geschichte vom triebgesteuerten, giertriefenden Sexmonster trotzdem ein unwiderstehliches Mittel zur Auflagensteigerung. Und auch die spektakulär aufgemachte Fernsehsendung Tatort Internet, die vorgibt, die Unschuld der Kinder schützen zu wollen, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, Unschuldige ausgenutzt und Straftaten Vorschub geleistet zu haben.

Anke Sieber Sexualmorde, also diese Abfolge: Kind wird entführt, missbraucht und umgebracht, da ist das auch wieder nur ein geringer Teil, also ganz fremd; auch wenn die Zeitungen am Anfang immer so tun, als ob das ein Wildfremder wäre, der das Kind weggefangen hat. Und später kommt dann in der Zeitung heraus: Es war der Nachbarsjunge oder der Freund vom Vater. Also auch da stimmt's nicht...

Sprecher Die Statistik spricht eine nüchterne, manchmal vielleicht zu leise Sprache: Bundesweit wurden im letzten Jahr vier Kinder im Zusammenhang mit Sexualdelikten ermordet. Es scheint aber nicht jedem zu gefallen, dass die Zahlen seit Jahren sinken.

Parolen werden auf einer Demonstration gerufen Kampf, Aktion und Widerstand, Kinderschänder an die Wand. Kampf, Aktion und Widerstand, Kinderschänder an die Wand.

Sprecher Es gab sie einmal in Deutschland, die Todesstrafe für Gewohnheits- und Sittlichkeitsverbrecher. Sie wurde von der Nazi-Justiz 1941, mitten im Krieg, eingeführt "wenn der Schutz", so wörtlich, "der Volksgemeinschaft es erfordert". Nicht als Strafe also wurden Menschen getötet - sondern zur Vorbeugung.

Manuela Groll Wir haben Fehlbelastungen, wir haben Falschbezichtigungen, und wenn Sie jemanden dafür an die Wand stellen, ja, das ist unwiederbringlich erledigt dann, das ist vorbei, und deswegen: Todesstrafe kann nicht der Weg sein, das kann nicht der Weg sein.

Sprecher Manuela Groll ist Anwältin und vertritt Kinder und ihre Eltern als Nebenklägerin in Verfahren gegen Sexualstraftäter.

Manuela Groll Das kann es nicht sein. Ich denke, wir brauchen einen anderen Vollzug, um möglicherweise andere Sachen zu machen, aber so'ne Forderung, die is albern.

Sprecher Erfahrungen in den USA zeigen, dass die Todesstrafe die Täter nicht etwa abschreckt, sondern sie im Gegenteil manchmal erst auf die Idee bringt, die Zeugen ihrer Verbrechen zu töten.

Manuela Groll ... aber wenn Sie jemanden haben, der notorisch andern Leuten auf der Straße eine scheuert, sag ich mal zu deutsch, das macht der ständig, dann kann ich darüber auch nicht mehr diskutieren, dann ist der gefährlich. Wenn der Ihnen auf der Straße begegnet und Sie kriegen immer eine, dann fragen Sie sich auch, warum sperren die den denn nicht weg? Also das hat wirklich was mit dem Hang und der Unkontrollierbarkeit zu tun.

Sprecher Wissenschaftler urteilen, dass einer von hundert Sexualstraftätern seinen Trieb nicht oder nur schwer beherrschen kann oder will.

Manuela Groll Sicherungsverwahrung ist ein Instrument des Staates um Täter, die besonders gefährlich sind, die einen Hang haben, so nenne ich das mal, dass die dauerhaft praktisch weggeschlossen werden. Das ist die klassische Sicherungsverwahrung. Die kann aber wirklich nur verhängt werden, wenn eine Gesamtwürdigung angestellt wird; die Gesamtwürdigung, die also alles ins Verhältnis setzt: die Person des Täters, die Taten, das ganze Umfeld. Damit ist das Gericht auch überfordert, deswegen wird bei diesen Fällen, wird immer nach, ich glaube 246a StPO ist das, werden dann Sachverständige hinzugezogen, weil da fehlt dem Gericht die Sachkunde. Das ist ja was, was definitiv lebenslang anhalten kann, klar.

Sprecher Die Entlassung von Sicherungsverwahrten auf Grund einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshof hat in Deutschland für Schlagzeilen gesorgt und manchen glauben gemacht, das Rechtssystem fasse Sexualstraftäter mit Samthandschuhen an. Das Gegenteil ist der Fall: Seit den 90er Jahren wurde die Verhängung der Sicherungsverwahrung schrittweise verschärft. 1998 wurde die Höchstdauer von zehn Jahren gestrichen. Seit 2004 kann die Sicherungsverwahrung auch nachträglich angeordnet werden, bei Tätern also, die erst während der Haft, zum Beispiel wegen des Einschmuggeln kinderpornografischen Materials als besonders gefährlich erkannt werden. In Reaktion auf das Urteil des Europäischen Gerichtshofs wurde erst jüngst die gesetzliche Grundlage zur Verhängung der Sicherungsverwahrung weiter ausgeweitet. Inzwischen wird die Notwendigkeit von Aufklärung und Vorbeugung in allen Parteien akzeptiert ... oder in fast allen.

Parolen werden auf einer Demonstration gerufen Todesstrafe statt Therapie, Kinderschänder lernen es nie.

Sprecher Das deutsche Strafgesetzbuch sieht für sexuellen Missbrauch eine Strafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren, in schweren Fällen nicht unter zwei Jahren und im Falle des Todes des Kindes nicht unter zehn Jahren vor.

Manuela Groll Also eigentlich ist alles, was so vier, fünf Jahre ist, schon relativ hoch. Das bedeutet ja, Sie bringen jemand in den Vollzug. Ich bin kein Fan von dem Vollzug, weil er einfach schlecht organisiert ist, sag ich mal. Sie erreichen damit nichts. Das heißt, Sie können jemanden nur in den Vollzug stecken, wenn Sie den eigentlich verloren geben, ja? Weil: Danach müssen die wieder sozialisiert werden. Wenn Sie jemanden fünf Jahre ins Gefängnis stecken, dann hat der gegebenenfalls danach alles gelernt, was er noch nicht konnte, ja, und ist für die Gesellschaft verloren.

Sprecher Gibt es nicht Fälle, in denen Sexualstraftäter mit Bewährungsstrafen davonkommen?

Manuela Groll Wenn Sie Täter haben, die geständig sind, wenn wir von überschaubaren Taten reden, sag ich mal, die ein glaubhaftes Geständnis ablegen, die dem Opfer die Aussage ersparen, die kommen streckenweise, jedenfalls in Berlin, sag ich, mit Bewährungsstrafen davon, die dann aber mit erheblichen Auflagen belegt sind. Also Auflagen können sein: Eine Therapie zu machen, eine spezielle Sexualtherapie, das können Geldauflagen sein, können auch Arbeiten sein. Aber das, wie gesagt, das gilt nur bei geständigen Tätern. Oder wir haben auch die Variante, dass wir uns bei wenigen Taten im unteren Bereich befinden, der Mensch nicht vorbelastet ist, sonst geht das gar nicht mit Bewährungsstrafen.

Sprecher Erinnern wir uns an die Tatsache, dass die Täter zu 95 Prozent Verwandte und Bekannte sind, die für das Kind eine wichtige Rolle spielen.

Manuela Groll Sie haben in vielen Fällen ja Kinder, die an diesen Menschen gerade sehr hängen, die möglicherweise auch gar nicht wollen, dass die so doll bestraft werden. Das ist ja so janusköpfig gerade in dem Missbrauchsbereich, dass wir Kinder haben, wenn die noch sehr klein sind, die sagen: Na, der soll Fernsehverbot kriegen. Weil Fernsehverbot ist für Kinder das absolut Schlimmste und mehr können die gar nicht denken.

Sprecher Aber sind Therapien überhaupt eine Alternative zur Strafe, eine wirksame Methode zur Straftatenvereitelung?

Manuela Groll Wir haben definitiv zu wenig Stellen, an denen Tätertherapien
durchgeführt werden können. Ich meine damit auch nicht Einzeltherapien, da gibt es immer Therapeuten, die Einzeltherapien machen. Wir haben in Berlin eine Möglichkeit bei Kind im Zentrum, die bieten Tätertherapien an, die in Gruppentherapien laufen. Das ist was, wo mir alle Leute, mit denen ich rede, die Täter sind, sagen, das ist die schlimmste Auseinandersetzung, die sie jemals erfahren haben, wenn sie sich mit Tätern auseinandersetzen müssen. Das ist eine andere, eine viel härtere Gangart, als wenn ein Therapeut da sitzt, so ein Allesversteher, und die reden und reden, und der möglicherweise ihn auch rannimmt, möchte ich mal sagen... als wenn die Gruppe zusammensitzt und der sagt: Was erzählst du denn da fürn Unsinn, das stimmt doch gar nicht. Und davon brauchen wir mehr.

Sprecher Wissenschaftler schätzen, dass das sexuelle Verlangen von ungefähr einem Prozent der Menschen auf Kinder gerichtet ist. Doch von den Menschen, die Kinder missbrauchen, gehört nur ein kleiner Teil zu dieser Gruppe. Warum machen die das dann?

Anke Sieber Es geht ja auch weniger um Sexualität, weniger darum, sich sexuell auszuleben, sondern es geht darum, dass man das Gefühl von Macht hat.

Sprecher Dass die Täter in ihrer Kindheit oft selbst missbraucht wurden, entschuldigt nicht ihr Handeln, zeigt aber wie wichtig therapeutisches Eingreifen ist, um den Teufelskreis zu durchbrechen. Die Mehrzahl der Täter handelt bewusst und mit Vorsatz, kann sexuellen Missbrauch begehen oder eben auch unterlassen, und wir, die Gesellschaft, können und müssen unseren Einfluss geltend machen. Gerade bei Jugendlichen, denen immerhin 30 bis 40 Prozent der Missbrauchstaten zur Last gelegt werden, dokumentieren wissenschaftliche Studien gute Therapieerfolge.

Anke Sieber Leider ist es oft so, dass Kinder im Schnitt sechs Personen brauchen, bis ihnen geglaubt wird. Oder sie das Gefühl haben sie werden ernst genommen. Aber Kinder sind die absolut besten Zeuginnen und Zeugen wenns darum geht, weil die können sich sowas nicht ausdenken.

Sprecher Mit größerer Aufmerksamkeit im Alltag anstelle von Sensationslust und Panikmache wäre also schon viel gewonnen.

Anke Sieber Grundsätzlich, wenn ein Kind Verhaltensauffälligkeiten zeigt, also wenns auf einmal ganz anders ist, dann sollten alle Eltern schon mal genauer hinsehen, und nicht nur denken, das ist entwicklungsbedingt, sondern sollten da schon sehr ernst draufgucken. Und was uns auch in der Arbeit immer wieder auffällt: Dass Kinder sagen "ich will da nicht mehr hin" oder "ich will nicht, dass Onkel Peter die Nacht hier bleibt, wenn Ihr tanzen geht". Wenn ein Kind sowas sagt... "ich will das nicht" oder "ich will nicht, dass der kommt", sollte genauer hingehört werden. Unsere Idee dazu ist dann immer zu sagen: "OK, musst du nicht". Damit stelle ich auch einen Schutz her und kriegen nach und nach raus: Warum und weshalb. Manche Sachen sind sehr einfach zu lösen: Oma und Opa schreien zu laut, und beim Onkel muss das Kind Spinat essen, den es nicht mag.

Sprecher Wer den Kindern helfen will, sollte sich dafür engagieren, dass die Arbeit von Beratungsstellen nicht als zahnloses Gestammel diffamiert, sondern von den Sparbemühungen der Kommunen ausgenommen wird.

Anke Sieber Das große Thema ist, Kinder zu stärken, nein zu sagen, was ihren Körper angeht. Es gibt Untersuchungen, die ganz klar aussagen und belegen, dass aufgeklärte Kinder, die eine positive Sexualerziehung erfahren haben, und damit meine ich nicht, sich mit Kindern vor den Fernseher zu setzen, und Pornos anzuschauen, weil die stellen ja auch ein sehr schräges Bild von Sexualität dar, da kann frau immer und ist immer bereit, sondern eine behutsame Begleitung, ihre Fragen im Zusammenhang mit Sexualität ernst zu nehmen und Kindern Kompetenzen an die Hand zu geben, nämlich wirklich ihren Körper zu wertschätzen. Und das können sie erst, wenn sie ihren Körper kennen ... also, eher werden die Kinder zu Opfern, wo das Thema Sexualität tabuisiert wurde, weil dann die vertraute Person kann dann sagen: Niemand versteht deine Fragen, deine Lust, deine Sexualität, ich ja.

Sprecher Es gibt viele Möglichkeiten, sich gegen sexuellen Missbrauch sinnvoll zu engagieren. Die Forderung nach Rache und Todesstrafe gehört nicht dazu.