Wissenswertes: Muslime in Deutschland

Donnerstag, 10. März 2011
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Vorbehalte und Ängste gegenüber dem Islam sind in Ostdeutschland, wo kaum Muslime leben, viel stärker als im Westen. Woher kommen diese Ängste eigentlich, und was kann getan werden, um sie überwinden? Eine Spurensuche in Brandenburg und Berlin.

Wissenwertes: Muslime in Deutschland
Holger Siemann, 2010, 15:08 Minuten, Mitarbeit: Bettina Döbereiner, Sprecherin: Ilka Teichmüller

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Inhalt

Die Integrationsbeauftragte Karin Weiss schätzt die Zahl der Muslime in Brandenburg auf wenige tausend, persönliche Kontakte zu Muslimen haben entsprechend wenige Bürgerinnen und Bürger. Generell rührt die Angst vor dem Islam, so erklärt Werner Schiffauer, daher, dass christliche Europäerinnen und Europäer sich als Gemeinschaft definieren, indem sie anderen, den Muslimen, alles gesellschaftlich Unerwünschte zuschreiben. Auf der Suche nach der Wirklichkeit hinter den Vorurteilen besuchen wir eine islamische Grundschule in Berlin und sprechen mit den Schulkindern über ihre Werte und Träume. Anschließend fragen wir beim Berliner Polizeipräsident Dieter Glietsch nach, ob die Medienberichte über Gewalt im muslimisch geprägten Stadtteil Neukölln zutreffen. Glietsch, Weiss und Schiffauer skizzieren abschließend Wege, wie eine interreligiöse beziehungsweise säkulare Gesellschaft gelingen kann.

Beteiligte

Weitere Informationen

  • Eine gute Gelegenheit, um ohne Anmeldung ein islamisches Gotteshaus zu besuchen, ist der Tag der offenen Moschee, der als Zeichen der Verbundenheit mit Deutschland jedes Jahr am Tag der deutschen Einheit stattfindet. Unter moscheefuehrungen.de können ganzjährig Gruppenführungen in der schönen Sehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln gebucht werden.
  • Im Islam-Lexikon können 400 Begriffe der islamischen Geschichte und Kultur online nachgeschlagen werden. Wer sich über religiöse Regeln informieren will, findet diese in dem kleinen Heft "Einfach fragen! Alltag mit Muslimen" des Interkulturellen Rats.
  • Wie Goethe und andere Intellektuelle der Aufklärung, beschäftigte sich Gotthold Ephraim Lessing mit dem Islam und trat für religiöse Toleranz ein. Die Ringparabel analysierte
    die Arabistin Silvia Horsch: "Lessing, der Islam und die Toleranz".
  • Wussten Sie, dass der deutsche Gartenzwerg aus der Türkei kam? Der Studienleiter der Evangelischen Akademie Bad Boll skizziert kurz die Prägung deutscher Alltagskultur durch den Islam. Frühe Spuren des Islam in Brandenburg lassen sich bei Wikipedia nachlesen. Interessant ist außerdem der Beitrag im Deutschlandfunk über die Moschee in Zossen.
  • Den Konflikt um den ersten Moscheeneubau Ostdeutschlands in Berlin-Heinersdorf zeichnet Robert Thalheim in seinem Theaterstück "Moschee DE" nach. Die Initiative "Heinersdorf öffne dich" baut durch Dialog Ängste ab.
  • In der Studie "Religiöse Vielfalt in Europa" untersuchte Detlef Pollack von der Universität Münster die Haltungen in der Bevölkerung zu verschiedenen Religionen. Der Aufsatz von Werner Schiffauer "Der unheimliche Muslim" analysiert die Entstehung von Ängsten.
  • Der Leitfaden "Polizei und Moscheevereine" sowie weitere Dokumente sind auf der Webseite des Programms "Transfer interkultureller Kompetenz" zusammengestellt. Für die Rolle von Religionsgemeinschaften im Integrationsprozess in Brandenburg hat der Landesintegrationsbeirat 2009 Empfehlungen ausgesprochen.
  • Wer das Thema vertiefen will und gern liest, kann zum Dossier des Deutschen Kulturrates "Islam, Kultur, Politik" greifen; wer lieber fernsieht, sollte sich das "Forum am Freitag" ansehen. Einen empfehlenswerten Newsletter über muslimische Jugendkulturen bietet der Verein Ufuq an, dem Dialog mit der islamischen Welt widmet sich die Webseite qantara.de der Deutschen Welle.

Transkription

Sprecher Seit Jahren wird in Deutschland in immer neuen Wellen über Muslime und ihre Integration diskutiert. Laut einer Studie der Universität Münster fühlen sich mehr als die Hälfte der Ostdeutschen von ihnen bedroht, den Islam als Religion lehnen sogar 62 Prozent ab. Auch in Brandenburg sind Ängste vor Muslimen weit verbreitet – obwohl es rein statistisch gesehen nur wenige von ihnen gibt.

Karin Weiss Also wir schätzen viereinhalbtausend, so ganz genau weiß man das natürlich nicht, weil ja die Religionszugehörigkeit zum Islam nirgendwo statistisch erfasst wird, sondern wir schätzen Angehörige, Staatsangehörige aus muslimisch geprägten Ländern, wobei die natürlich nicht alle Muslime sind, auch im Irak gibt es ja Christen. Genauso wenig sagt diese Schätzung irgendetwas darüber aus, ob der Einzelne, das Individuum tatsächlich sich religiös gebunden fühlt, sich religiös bekennt oder nicht.

Sprecher Karin Weiss, Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg, ist eine der Expertinnen, die wir befragen, um herauszufinden, woher die Ängste kommen und was wir dagegen tun können. Sie weist darauf hin, dass es nicht nur Sache der Muslime sein kann, sich so zu verhalten, dass den Anderen die Ängste genommen werden.

Karin Weiss Integration ist immer eine zweiseitige Sache, es ist einmal Sache der Zugewanderten hier, ihre Integrationsleistungen zu erbringen und die überwiegende Mehrheit der Zugewanderten tut das, aber es ist genauso auch Aufgabe der Gesellschaft, Integrationsleistungen zu erbringen, dass heißt, wirklich eine gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen, und nur wenn beide Seiten ihren Beitrag leisten, kann es wirklich ein Miteinander geben.

Sprecher Die schon erwähnte Studie aus Münster gibt uns einen ersten Hinweis auf die Ursachen von Ängsten: In Ostdeutschland, wo die Ablehnung größer ist als in den alten Bundesländern, kennen nur 16 Prozent einen Muslim oder eine Muslima persönlich, im Vergleich zu 40 Prozent im Westen. Wir fragen Professor Schiffauer von der Universität Frankfurt (Oder), einen anerkannten Islamexperten, nach seiner Deutung.

Werner Schiffauer Jetzt macht Europa den gleichen Fehler wie es während der Nationalstaatenbildung im 19. Jahrhundert stattgefunden hat und definiert einen äußeren Feind, der als Anderer definiert wird, und zwar ziemlich stereotyp als Anderer definiert wird, und setzt sich von ihm ab. Das ist eigentlich ein Prozess einer zweifachen Verneinung. Auf einer ersten Verneinung steht der Islam für all das, wofür wir vermeintlich nicht stehen, also: hat keine Aufklärung, ist demokratieunfähig, ist homophob, antisemitisch, frauenfeindlich, patriarchalisch. Man kann diesen ganzen Wertekonsens durchdeklinieren. Und in einem zweiten Schritt sagen wir dann, wir sind genau das nicht, wir sind nicht muslimisch.

Sprecher Ein Blick in die Medienlandschaft scheint das zu bestätigen. Das private wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen berichten selten über die Muslime in unserer Nachbarschaft, dafür um so lieber über Terroristen und Hassprediger. Die Boulevardblätter sind voll von Gruselgeschichten über No-go-Areas im Moloch Berlin, arabische Großfamilien und Banden türkischer Jugendlicher, die in Neukölln Jagd auf Deutsche machen. Aber wie sieht es wirklich in Berlin aus? Wir besuchen die Islamische Grundschule in der Kreuzberger Boppstraße.

Schülerinnen Ich heiße Dalia und ich bin zwölf. Ich heiße Affifa und ich bin elf. Ich heiße Lydwia und bin elf. Ich heiße Lina und bin zwölf. Ich heiße Khadija und bin elf. Ich heiße Muhammed-Furkam und bin zwölf.

Sprecher Gerade hat die Theatergruppe der 6. Klassen Szenen aus Ephraim Lessings Drama "Nathan der Weise" einstudiert. Dalia erklärt uns die Ringparabel.

Dalia Die drei Ringe, die sollen auch die drei Religionen darstellen. Der Sinn der ganzen Sache ist, dass wir alle miteinander friedlich und mit Toleranz, freundlich miteinander umgehen, also normale Menschen; nicht, dass man sagt, ja, der hat diese Religion, mit dem gehe ich so um und der hat eine andere Religion und mit dem gehe ich so um, also, dass alle gleich behandelt werden.

Lydwi Wir haben es der Hermann Hesse und anderen Schulen noch, der Evangelischen Privatschule in Charlottenburg vorgeführt, und der Nürtingen Grundschule.

Lina Bei der evangelischen Schule hatten die danach noch ein Gespräch mit einer Klasse, also da haben wir über das Stück geredet.

Dalia Die kamen dann auch einmal zu uns zum Frühstück, wir haben die dann auch einmal eingeladen und wir haben Fragen gestellt; da, wo wir uns unsicher gefühlt haben in ihrer Religion oder nicht so richtig klar verstanden haben. Und die haben uns gefragt, da, wo sie Fragen hatten.

Sprecher Die 170 Schülerinnen und Schüler wundern sich, wenn Politiker behaupten, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Stellen wir uns einmal vor, sie und alle anderen Muslime gehörten tatsächlich über Nacht nicht mehr dazu: Der Altersdurchschnitt würde um etwa fünf Jahre steigen. Regisseure, Parteivorsitzende, Fußballer und Schauspielerinnen ließen ihre Kollegen ratlos zurück, die Bahn bliebe stehen, Reinigungs-, Kurier- und Pflegedienste brächen zusammen, in den Tresoren der Banken klaffte ein Loch von 20 Milliarden türkischer Sparguthaben und die verbleibenden Nicht-Muslime müssten mehr als zwei Billionen Staatsschulden von Bund, Ländern und Kommunen alleine schultern. Das will natürlich niemand. Bloß ein bisschen weniger muslimisch sollten die Muslime doch bitte sein und ein bisschen mehr wie wir werden.

Werner Schiffauer Ein Satz "Werdet wie wir Deutsche!", also eine Assimilationspolitik – das ist zum Scheitern verurteilt, und zwar deshalb, weil es sich gezeigt hat, dass "die Anderen" ja doch nur zu schlechten Kopien der Deutschen werden.

Sprecher Seit es den schillernden Begriff der deutschen Leitkultur gibt, wird darüber gestritten, welche Kultur genau das ist, die uns leiten soll. Manche setzen das Christentum an oberste Stelle, aber kann das auch für Brandenburg gelten, wo sich nur 20 Prozent der Einwohner einer Religion zugehörig fühlen? So viel Unsicherheit bei der Beschreibung der Leitkultur herrscht, so sicher sind sich viele darüber, was und wer nicht dazu gehören kann: die Muslime. Dass sich die Kultur eines Landes beständig ändert und sich auch die Muslime in Deutschland längst eigenständig entwickeln, gerät dabei aus dem Blick.

Werner Schiffauer Hier tut sich wahnsinnig etwas, von der Mehrheitsgesellschaft bewusst ausgeblendet. Aber wenn man die Gemeinden über längere Zeit verfolgt, dann sieht man: Es sind andere Gemeinden geworden. Als ich damals begonnen habe, über islamische Gemeinden zu arbeiten, das war Mitte der 80er Jahre, da war es common sense, dass Frauen an Haus und Herd bleiben sollten, dass Erziehung für Mädchen sinnlos ist. Heute dagegen gibt es kaum eine Gemeinde in Deutschland – meines Wissens keine –, die nicht das Programm vertritt, dass die Mädchen auf weiterführende Schulen sollen, die nicht das Programm vertritt: Als bewusste Muslima sich in die Gesellschaft einbringen. Und dieses Programm wird von den Männern mitgetragen und mitgestützt.

Dalia Das Gebet, das wir alle gemeinsam beten, spielt bei uns im Leben eine ganz wichtige Rolle, weil dann sich jeder vor Gott auf einer Linie, mehrere Linien hintereinander, hinstellt: der Schwarze neben dem Weißen, der Arme neben dem Reichen, sodass es keinen Unterschied zwischen dem Einen und dem Anderen gibt. Denn vor Gott zählt das, was wir machen, was wir leisten, was in unserem Herz ist.

Sprecher Das Leben in einer Gesellschaft der religiösen und kulturellen Vielfalt will gelernt sein, und eine der Voraussetzungen dafür ist die Neugier, das Interesse für den Anderen. Wenn man ohne Vor-Urteile fragt, erfährt man schnell, dass das islamische Leben in Deutschland anders und weniger fremd ist als es die gängigen Bilder, beispielsweise von Frauen mit Kopftuch, nahe legen.

Dalia In der christlichen Religion tragen ja auch die Nonnen ein Kopftuch.

Affifa Manche sind Muslime, aber die tragen eben nicht Kopftuch. Also: Wenn man kein Kopftuch trägt, heißt das nicht, dass man keine Muslima ist. Männer sollten eigentlich auch nicht mit kurzen Hosen oder so beten.

Sprecher Jeder Tourist, der einmal im Hochsommer versucht hat, eine italienische oder spanische Kirche zu besichtigen, weiß, dass das nicht nur für Muslime gilt.

Werner Schiffauer Diese Kopftuchbewegung ist zum Wesentlichen getragen von jungen Akademikerinnen und Bildungsbürgerinnen: "Wir sind stolz, Muslime zu sein", und so weiter. Man hat eine zunehmende Bildungsintegration, gerade von muslimischen Schichten.

Sprecher Dieses wachsende Selbstbewusstsein geht einher mit steigendem Bildungsanspruch, mit stärkerer Teilnahme am öffentlichen Leben und einem Zuwachs an interkulturellen Kompetenzen – alles Qualitäten, die für eine Gesellschaft gut, für eine Exportnation wie Deutschland geradezu lebensnotwendig sind.

Werner Schiffauer Es ist verblüffend zu sehen, welchen Erfolg konservative islamische Gemeinden schulisch hervorrufen. Oft ist es die Mitgliedschaft in einer islamischen Gemeinde, die Stabilität und Haltung gibt, um die Ausbildung zu Ende zu machen, um die Schule abzuschließen. Das heißt, hier gibt es Formen der Selbstorganisation, die nun auf einer ganz anderen Ebene den Einstieg in die Gesellschaft erlauben, nämlich in das System Arbeitsmarkt, in das System Schule.

Sprecher Rechte Islamkritiker behaupten, muslimische junge Männer seien kulturell, religiös oder gar genetisch bedingt Machos und neigten zur Gewalt. Dieter Glietsch ist seit 2002 Polizeipräsident in Berlin und hat da ganz andere Erfahrungen gesammelt.

Dieter Glietsch Die Migrantenorganisationen, die Verbände, die Vereine, auch die Moscheevereine sind ganz wichtige Ansprechpartner für uns. Den Kontakt suchen wir auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Also für mich ist es zum Beispiel selbstverständlich, dass ich einen engen Kontakt zur türkischen Gemeinde in Berlin pflege, dass wir eine Kooperationsvereinbarung mit der türkischen Gemeinde haben, dass wir jetzt seit einigen Monaten, durch die türkische Gemeinde organisiert, einen türkischen Sprachunterricht für Polizeibeamte aus Kreuzberg und Neukölln haben.

Sprecher In verschiedenen Projekten des Programms "Transfer interkultureller Kompetenz" lernt die Berliner Polizei, wie man die Kraft und Dynamik der türkischen Community bei der Bekämpfung der Kriminalität nutzen kann.

Dieter Glietsch Man hatte den Eindruck, sie haben förmlich darauf gewartet, dass man auf sie zugeht, dass man sie einbindet, dass man sie beispielsweise einlädt zu unseren Präventionsveranstaltungen, zu Tagen der offenen Tür, und dass man ihnen solche Angebote macht, wie wir sie machen, in erster Linie mit dem Ziel, eine Vertrauensbildung zu betreiben.

Werner Schiffauer Die Gemeinden sehen ja diese Situation, über die wir gesprochen haben, die Situation der Straßenjugendlichen ist genau das, wo sie ihre Sozialarbeiter gegensetzen. Also: Die Jugendlichen von der Straße zu holen, einen Ort in der Gemeinde zu schaffen, sie zu stabilisieren, und dann darüber den Einstieg in die Gesellschaft zu machen, das ist ein Teil des Bildungsprogramms dieser Gemeinden.

Dieter Glietsch Aus der Zusammenarbeit der vergangenen Jahre hat sich in Neukölln ein sehr gut funktionierendes Netzwerk entwickelt. Wenn es dort beispielsweise einen Gewaltvorfall an einer Schule gibt, von deutschen Schülern mit migrantischen Schülern oder von migrantischen Schülern unterschiedlicher Herkunft, dann weiß die Schulleitung heute, dass sie aus diesem Netzwerk heraus jederzeit Hilfe bekommen kann.

Sprecher Mehr Selbstorganisation von Muslimen einzufordern ist etwas Anderes, als sie zum Deutschwerden zu zwingen. Die Politik steht vor neuen Herausforderungen und wir alle müssen uns darüber klar werden, was und wer wir sein wollen: Ein geschlossener Klub zur Traditionspflege, der ein christliches Glaubensbekenntnis verlangt und fünf Millionen Menschen draußen lässt oder eine offene, lernende Gesellschaft, die von der Freiheit und für die Freiheit verschiedener Individuen lebt.

Werner Schiffauer In einer globalisierten Welt treffen Angehörige verschiedener Religionen aufeinander in einem ganz konkreten Raum. Und der einzige Modus, in dem sie dann zusammenleben können, ist, sich darauf zu einigen: OK, der Rahmen, der für uns alle gilt, und wo keiner besonders oder schlechter gestellt werden soll, ist die säkulare Ordnung. Es gibt eine Chance für jede Religion in einem säkularen Raum, die nämlich darin besteht, dass man die eigene Botschaft, also das, was man für sich für verbindlich hält, für andere übersetzt.

Sprecher Viel zu wenig bekannt ist, dass zum Beispiel Gerechtigkeit und gerechter Austausch im Islam eine zentrale Rolle spielen. Statt den Muslimen Schweigen zu gebieten, wegen der angeblichen Gefährdung der herrschenden christlichen Leitkultur, ist es sinnvoll, Offenheit und Transparenz zu fördern. Es gibt erste Ansätze wie das Projekt der Berliner Polizei oder Maßnahmen der Integrationsbeauftragten in Brandenburg.

Karin Weiss Wir haben im vorigen Jahr, das heißt die RAA hat in enger Kooperation mit uns eine Maßnahme speziell für Religionsgemeinschaften von und für Zugewanderte durchgeführt, die darüber aufklärt: Wie ist hier in Deutschland das Staatskirchenrecht, wie ist das Verhältnis von Staat zu Religionsgemeinschaften, wie können und wo sollten auch Religionsgemeinschaften von Zugewanderten Jugendarbeit betreiben, kulturelle Arbeit betreiben.

Sprecher Viele Deutsche, die den Islam bisher für demokratieunfähig hielten, waren von den Demokratiebewegungen in den arabischen Ländern überrascht. Vielleicht ist es an der Zeit für uns, einen neuen Blick auch auf das vermeintlich Bekannte im eigenen Land zu wagen.

Lydwia Ich möchte Lehrerin werden und vielleicht auch Arzt, es ist noch nicht sicher.

Affifa Also, ich würde gerne Architektin oder Innenarchitekten werden, oder vielleicht Lehrerin, weil ich das Fach Mathe sehr mag.

Werner Schiffauer Es ist kein Zufall, dass in allen repräsentativen, neugebauten Moscheen Moscheeführungen stattfindet, und hier reger Austausch stattfindet. Das würde ich jedem empfehlen.

Khadija Es ist doch egal, welche Religion man hat, alle Menschen sind, im Islam sind alle Menschen Geschwister.

Sprecher Oder, wie Lessing den Richter in der Ringparabel sagen lässt: Es eifre jeder seiner unbestochnen, von Vorurteilen freien Liebe nach!